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‘A nation stays alive when its culture stays alive’

Was machst du an einem verregneten Wochenende denn so? In Berlin gehen Salem und Gernot, die Gründer von Conflictfood, ganz gerne mal ins Museum. Aber in Kabul? Gibt es überhaupt Museen in Afghanistan? Ja – und zwar eines mit einer Geschichte, die spannender ist, als jeder Krimi, den du je gelesen hast! Begleite das Team von Conflictfood bei einem Spaziergang durch das Nationalmuseum Kabul.

Die Schätze des Afghanischen Nationalmuseums

 

Einen Steinwurf entfernt vom komplett zerbombten Präsidentenpalast steht das ehrwürdige, knapp 100 Jahre alte Museumsgebäude des Afghanischen Nationalmuseums. Unser Wagen ist der einzige auf dem weitläufigen Parkplatz vor dem Haus, auch im Museum werden wir an diesem Tag, neben 5-6 Schülern des naheliegenden Gymnasiums, die einzigen Gäste sein. Die Eingangshalle ist großzügig gestaltet und auch sonst ist das Gebäude sehr weitläufig. Allerdings ist es beinahe leer. Nur wenige Exponate der eigentlich sehr reichen Geschichte des Landes sind zu sehen. Ein Raum widmet sich einem sehr kuriosen Objekt, zu sehen ist Präsident Hamid Karsais altes Nokia Handy. Im ersten Augenblick erschien uns das als absurd, doch wenn man die Geschichte des Hauses kennt, ergibt es Sinn.

Kaum haben wir unseren Rundgang begonnen überrascht uns ein Stromausfall, der das ganze Museum ins Dunkel taucht. Nichts ungewöhnliches in Kabul, das Netz ist einfach überlastet. Hier im Museum aber hat das noch weitreichendere Folgen, auch das Sicherheitssystem wird lahmgelegt. Bis zum Schluß leuchten wir uns nun den Weg durch die Räume mit unseren eigenen Handys.

In den späten 1970er Jahren stellte das Nationalmuseum Afghanistans noch über 100’000 Objekte aus. Aber der jahrzehntelange Bürgerkrieg und Konflikte hatten fatale Auswirkungen auf den Bestand der Ausstellung. Zu Zeiten der sowjetischen Besatzung wurde das Haus vom Militär überwacht, zahlreiche seiner Schätze fanden schleunigst ‚neue’ Besitzer. Es sollte noch schlimmer kommen. Während des Bürgerkrieges wurden das Dach und die Lagerräume bei einem Raketenangriff völlig zerstört. Tausende Artefakte sind danach abhanden gekommen und wurden geplündert. Bis Mitte der 1990er Jahre konnten nur noch 4’000 sichergestellt werden. Danach kamen die Taliban mit einer Verordnung von 2001 welche die Zerstörung von abgöttischen, unreligiösen Werken befahl. Die Folgen waren verheerend – 2’500 Kunstwerke verloren.

Ein goldenes Zeitalter für Afghanistan

 

Damals, in 1978, war Kabul mit rund einer halben Million Einwohnern eine belebte Drehscheibe Zentralasiens. Genau in diesem Jahr begann der Direktor des Nationalmuseums Dr. Omara Khan Masoudi hier zu arbeiten. Er ließ die Wörter am Eingang in den Stein meißeln – für die Ewigkeit. Spannende Jahre des Aufbruchs sollten folgen. Nur zwei Jahrzehnte zuvor wurde Kabuls Flughafen in Betrieb genommen, 1975 fand das allererste Rockmusik-Festival statt und die afghanische Frauenrechtsorganisation ‚The Revolutionary Association of the Women of Afghanistan’ wurde gegründet.

Ein goldenes Zeitalter für die Archäologie

 

1966 regte die Entdeckung von goldenen Schalen mesopotamischen Designs weitreichende archäologische Exkursionen in der Region an, während derer die Bedeutung Afghanistans auf antiken Handelsrouten untermauert wurde. 1978 brachte der Archäologe Viktor Sarianidi einen der weltweit wichtigsten Funde ans Licht. An den Berghängen von ‚Tillya Tepe’ im nördlichen Afghanistan grub er den Schatz der Baktrier aus: mehr als 20’000 Fundstücke aus Gold und Edelmetallen, inklusive der Krone einer nomadischen Prinzessin, Goldspangen, Brosche und Tausenden von Juwelen, die den unglaublichen kulturellen Reichtum des Landes belegen.

Das Ende des goldenen Zeitalters

 

Trotzdem wandte sich das Blatt noch im selben Jahr für die Afghanen. In den frühen Morgenstunden des 28. April 1978 ermordeten die Truppen der kommunistischen Demokratischen Volkspartei den Präsidenten Mohammad Daoud Khan und einen Großteil seiner Familie. Der Putsch wurde bekannt als ‚Saur Revolution‘, obwohl die Tat nichts mit einem bürgerlichen Aufstand gemein hatte. Im Dezember 1979 marschierten die sowjetischen Truppen ein, um das kommunistische Regime in ihrem Kampf gegen die Mujahideen zu unterstützen – dies war der Beginn einer Dekade des Guerillakrieges.

Ein sicherer und geheimer Ort

 

Aus gegebenem Anlass sollte die wertvolle Sammlung kurzfristig in Sicherheit gebracht werden. Unbezahlbare Artefakte, einschließlich von hellenischen Marmor- und Bronze-Statuen, Goldschalen, zerbrechlichen Glasarbeiten, frühen islamischen Schnitzereien, buddhistische Elfenbeinskulpturen und eine umfangreiche Sammlung an antiken Münzen wurden vorübergehend umgelagert. Hastig, ohne die erforderliche Sorgfalt, wurden die Kunstwerke abgebaut, verfrachtet und in das Haus des ehemaligen Ministers Sardar Mohammad Naim Khan gebracht. Im Oktober 1980 gab die kommunistische Regierung das Gebäude zurück und baute das Museum wieder auf.

Als sich die Sowjet Truppen nach zehn Jahren des Krieges bereit zum Abzug machten, sah sich das Museum mit einer zunehmend schlechteren Sicherheitssituation konfrontiert. Deshalb wurde gemeinsam mit dem Ministerium für Kultur entschieden, die wertvollsten Artefakte in der Stadt an unterschiedlichen Orten zu verteilen, um die Chancen von Diebstahl zu verringern. Die teuersten Stücke wurden in geheimen Tresoren im Keller der Kabul Bank verschlossen – diese Schätze wurden zu Legenden.

Die langen Jahre des Krieges machten das Leben von Kabuls Bevölkerung zur Hölle. Kulturstätten lagen in Schutt und Asche und Privateigentum wurde geplündert. Tausende afghanische Familien mussten das Land verlassen und ein desaströses Zeitalter für das Museum wurde eingeleitet. Das Museum wurde erneut zum Militärstützpunkt und die Gebäude wurden von zahlreichen Mujahideen-Gruppierungen besetzt. Jedes Mal, wenn gegnerische Soldaten vertrieben wurden, plünderten sie bei ihrem Abzug alles was sie tragen konnten. Bis heute weiß niemand was mit der gestohlenen Kunst passierte. Wahrscheinlich wurden viele auf dem Schwarzmarkt verkauft oder eingeschmolzen. Schließlich, in einem Anschlag im Mai 1993 beschädigten Raketen obere Teile des Gebäudes, was dazu führte, dass das Dach einstürzte.

1996 kamen die Taliban an die Macht. Überraschenderweise schützten sie zunächst die Sammlung. Die Türen des Museums blieben zwei Jahre verschlossen. Schließlich begann eine kleine, zurück gebliebene Gruppe an Museumsangestellten 1996 mit einer Inventarisierung, in der sie die 4’000 Objekte katalogisierten – nur noch 4 % von der ursprünglichen Kollektion.

2001 veranlassten die Taliban die Zerstörung von abgöttischen, unreligiösen Bildern. Unter dem Einsatz von Raketenwerfern und Panzern wurden 2’500 Werke sowie zwei enorme Buddha Statuen aus dem 6. Jahrhundert zerstört. Diese barbarische Vorgehensweise erfüllte die Herzen vieler Afghanen mit Wut. Weder die kommenden Generationen von Afghanen, noch die Geschichtsbücher werden diese Ära der Tyrannei jemals vergessen.

Glücklicherweise lagen die Herzstücke des Kunstschatzes sicher versteckt im Untergrund.

Der Beginn eines neuen Weges

 

Am 11. September 2001 krachten zwei entführte Flugzeuge in das World Trade Centre in Manhattan. Weil sich die Taliban beharrlich weigerten, Osama bin Laden und weitere Schlüsselfiguren von Al-Qaida an die USA auszuliefern, starteten die USA ihren Einmarsch in das Land im Oktober des gleichen Jahres. Der anschließende Fall des Regimes machte die Rückkehr nach Kabul für einige Einwohner sicherer, schnell wuchs die Bevölkerung der Hauptstadt auf fünf Millionen Menschen an. Obwohl die Sicherheitslage prekär blieb, ermöglichte internationale Hilfe den Wiederaufbau des Museums und seiner Sammlung.

Im Jahr 2003 beschloss das Ministerium für Information und Kultur die verborgenen Schätze wieder auszustellen und eine Delegation wagte sich wieder in die Tresore. Damals erklärte Präsident Hamid Karzai: “Es war wie in einem Film. Wir mussten mit dem Aufzug drei Stockwerke unter den Palast fahren, ein Tunnelsystem mit eingebauten Fallen passieren und dann durch eine Tür mit sieben oder acht Codes, die alle von unterschiedlichen Leuten behalten wurden.“ Der Schatz war erhalten geblieben! 324 Artefakte, die Herz und Seele von Afghanistan, wurden in den Boxen gefunden.

Dennoch nicht einmal 0,3 % des 100’000 Stücke umfassenden Schatzes aus Gold, Silber und Edelsteinen war erhalten geblieben.

Auch wenn es nicht mehr viel zu sehen gibt, die wenigen Stücke sind von unschätzbarem Wert und haben uns sehr beeindruckt und stehen für einen Neubeginn des Landes. Wir verlassen das Museum und entdecken eine Inschrift die unsere Hoffnung zum Ausdruck bringt.

Am Tor des Museums sind auf Arabisch und Englisch folgende Worte in Stein graviert: ‘a nation stays alive when its culture stays alive.’

Die 324 wunderbaren Kunstwerke in Kabuls Museum bereichern nicht nur verregnete Wochenenden – ihre unglaublichen Geschichten sind es wert, jeden Tag in der Woche erzählt zu werden!

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