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REISE ZUM URSPRUNG DES TEES – TEIL 3

Im vorherigen Beitrag konntest du das Team von Conflictfood auf wackeligen Schienen durch den Dschungel begleiten. Heute sind wir endlich im Herzen des Teeanbaues angekommen. Komm mit auf die Reise zum Ursprung des Tees!

Willkommen im Herzen des Teeanbaus!

Es sind vor allem die ländlichen Regionen, die stark umkämpft sind. Eben jene entlegenen Gebiete, in denen auch die Teepflanzen am besten gedeihen. Nur mit staatlicher Genehmigung dürfe Ausländer tiefer in diese Regionen vordringen. Mit dem Jeep führt uns Edward weiter an unser Ziel. Es sind noch zwei Stunden bis ins 1.400 Meter hoch gelegene Kutkai, dem Herzen des Teeanbaus.

Immer steiler und schmäler wird der Weg aus Stein und Geröll. Unverhofft lichtet sich plötzlich der Nebel und ermöglicht einen Blick über die weiten Landschaften des Nord-Shan. Ein Dschungel aus sattem Grün in hunderten Schattierungen, große Macadamiabäume, erhabene Teak-Riesen und dazwischen wächst wild und ursprünglich die Teepflanze. Intercropping nennen Agrarexperten diese nachhaltige Pflanzensymbiose und feiern sie als neuen Trend. In den Shan-Bergen ist dieser Trend schon hunderte Jahre alt.

"Two leaves and a bud"

Diese satt-grünen Hügel sind der Arbeitsplatz von Ei De Nwe. Ihr knallroter Sarong und die silbernen Hüftreifen verraten, dass auch sie zum Volk der Ta’ang gehört. Mit ihren 29 Jahren zählt sie zu den erfahrenen und gut bezahlten Teepflückerinnen im Dorf.

Der spätere Charakter des Tees liegt buchstäblich in ihrer Hand. Sie entscheidet, welches Teeblatt sie nach sorgfältiger Inaugenscheinnahme und vorsichtigem Befühlen pflückt. „Two leaves and a bud“, also nur die mit einem leichten Flaum überzogenen Endknospen eines Teezweiges sowie die beiden dazugehörigen Blätter sind es, die für den qualitativ hochwertigsten Tee gepflückt werden. Routiniert zupft Ei De Nwe diese jungen und zarten Triebe der Teebüsche mit der Hand ab und legt sie in den Korb. Mit wenigen, schnellen Handgriffen ist ein Busch abgeerntet, es folgt sogleich der Nächste.

Die Frühlingsernte, Shwe Phi Oo, wie Ei De Nwe sie nennt, ist die Kostbarste. Die ersten, frischen Triebe der Pflanze treiben im April aus und müssen zügig eingebracht und verarbeitet werden. Das gelingt nur mit einem großen und geschulten Team an Pflückerinnen.

Der am längsten andauernde Bürgerkrieg der Welt

So manche ihrer Kolleginnen aus dem letzten Erntejahr sind diesmal nicht dabei, erzählt sie. Bestenfalls suchen sie im nahen China freiwillig ihr Glück als besser bezahlte Erntehelferinnen. Schlimmstenfalls wurden die jungen Ta’ang-Frauen an chinesische Männer zwangsverheiratet. Chinas Ein-Kind-Politik und der Wunsch nach einem männlichen Stammhalter hat gerade in der chinesischen Grenzregion Yunnan das Geschlechterverhältnis aus dem Gleichgewicht gebracht. Für umgerechnet 3.000 Euro werden die angehenden Ehefrauen von Menschenhändlern über die Grenze verkauft. Auch die Erntehelferinnen aus dem Süden bleiben mehr und mehr aus. Es ist schlicht zu gefährlich geworden, meint Ei De Nwe und deutet mit ihrer Hand zum nächsten Hügel.

Hinter dichtem Laub versteckt erkennt man dort eine unscheinbare Blechhütte – ein Stützpunkt der Ta’ang National Liberation Army. Sie ist eine der 15 bewaffneten Rebellengruppen, die im Land seit mehr als 60 Jahren aktiv sind und für mehr Autonomie für ihre ethnische Minderheit kämpft. Ihnen gegenüber stehen die 350.000 Mann zählende Regierungsarmee, die sogenannte Tatmadaw.

Auch wenn sich dieser Konflikt dem internationalen Auge beinahe vollkommen entzieht, sprechen manche Beobachter von dem am längsten andauernden Bürgerkrieg der Welt. Hunderttausende Menschen hat dieser Krieg die Heimat gekostet und zum Teil ihr Leben. Die Menschen finden Zuflucht in den Bergen, leben in Camps oder bauen sich in anderen Teilen des Landes eine neue Existenz auf.

Dieser Tee schafft Identität

Seit vielen Generationen ist der Tee nun identitätsstiftend für die Menschen im Nord-Shan. Doch durch die Kämpfe werden die Bauern zu Vertriebenen. Mit ihrem Abwandern beginnt diese Identität zu verschwinden und Wissen geht verloren.

Edward von der Palaung Tea Growers & Sellers Association weiß um diese Gefahr. Deshalb hält er Schulungen und Kurse für die verbleibenden Bauern. Organisches Kompostieren, hygienisches Sonnentrocknen, selbst Buchhaltungskurse bietet er den Verbandsmitgliedern an. Der Kurs für morgen ist schon seit Wochen ausgebucht: Warenexport. Noch gibt es viele Stellschrauben zu drehen, um auf dem europäischen Markt nicht nur als Rarität zu gelten aber die Weichen sind gestellt. Es ist nicht nur Edwards großer Traum – alle Familien im Nord-Shan sind von der Idee begeistert, dass Menschen auf der ganzen Welt bald Tees aus Myanmar genießen können.

Hier in den Shan-Bergen endet sie, unsere lange Reise zum Ursprung des Tees. Edward schaut in unseren müden Gesichter und öffnet seinen Rucksack: „Ich habe die ideale Stärkung für euch“, ruft er und holt eine Thermoskanne hervor. Er gießt uns das Heißgetränk in einen Becher und reicht ihn uns. „Kaffee?!“ fragen wir verblüfft. Edward lacht herzlich, „Ja klar, was habt ihr erwartet!?

Hier kommst du zu Teil 1 und Teil 2 unserer spannenden Reise zum Ursprung des Tees.

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