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SALTOS AUF DEN RUINEN VON KABUL

In Kabul bewegt sich etwas: Eine Gruppe Jugendlicher weigert sich, Arbeitslosigkeit und eine aussichtslose Zukunft zu akzeptieren. Die Kabul Parkour Boys sind afghanische Pioniere der Sportart Parkour und haben sich die Ruinen des ehemaligen Parlamentspalastes zum Spielplatz gemacht. Als Kabuls kleine Sensation sind sie sogar schon im nationalen Fernsehen aufgetreten. Während unserer Afghanistan-Reise haben wir einen beeindruckenden Tag mit den Bewegungs- und Überlebenskünstlern verbracht.

Beim Parkour werden urbane Hindernisse durch akrobatische Bewegungen überwunden, um möglichst schnell und kreativ von A nach B zu kommen. Mit einer atemberaubenden Geschwindigkeit wirbeln die Jungs in ihren bunten Sweatshirts durch die verlassenen Gebäude, springen die bröckelnden Wände hoch und schlagen Saltos – ein Kontrastprogramm zu wirtschaftlicher Stagnation, Hoffnungslosigkeit und Tristesse des Krieges.

Seit fünf Jahren trainieren die Gruppe der Jungs in unterschiedlichen Ecken der Hauptstadt. Am liebsten treffen sie sich aber in den Ruinen des Darul Aman Palastes. Der Prunkpalast wurde in den 1920er Jahren von König Amanullah errichtet und sollte ursprünglich das Parlament beherbergen. Aber der Aufstieg der Gegner der Monarchie vereitelte Amanullahs Modernisierungspläne. 1969 wurde das Gebäude durch einen Brand schwer zerstört und danach nie wieder in Betrieb genommen. Der Name des Palastes bedeutet so viel wie ‚Wohnsitz der Hoffnung’ – das Motto der Parkour Boys.

Aufwachsen in Perspektivlosigkeit

 

Afghanistan hat mit den klassischen Problemen – gemessen an westlichen Standards – der weltweit am wenigsten entwickelten Länder zu kämpfen: eine chronisch schwache Wirtschaft, ein schnelles Bevölkerungswachstum und ein mangelhaftes Sozialsystem. Für viele junge Afghanen sieht die Zukunft alles andere als rosig aus. Zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 25 Jahren alt, fast acht von zehn Jugendlichen nennen Arbeitslosigkeit als eine ihrer größten Sorgen. Dass diese Perspektivlosigkeit dramatische Folgen haben kann, zeigt ein Bericht der afghanischen Regierung und der UN: Nirgendwo auf der Welt blühen so viele Mohnfelder, nirgendwo sind so viele junge Menschen von den national produzierten Drogen abhängig.

Mobilität als Überlebensstrategie

 

Mobilität und Bewegung sind seit Jahrzehnten afghanische Überlebensstrategien, um vor den Zerstörungen des Krieges und der daraus resultierenden Unsicherheit zu entkommen. In einer Umfrage der TV-Sender ARD, BBC und ABC gab die Hälfte der Bevölkerung an, dass sie sich bereits während der Stationierung von internationalen Truppen nicht ausreichend vor den Taliban geschützt fühlten. Nach dem schrittweisen Abzug der internationalen Truppen seit 2011 hat sich laut United Nations Assistance Mission in Afghanistan die Sicherheitslage im Land noch verschärft. Auch deshalb stoppten ausländische Investoren und Handelsunternehmen ihre Kooperation mit afghanischen Unternehmen, international gespeiste Geldquellen versiegten und die Arbeitslosigkeit stieg drastisch an.

 

Anders als im von westlichen Medien verbreiteten Szenario der drohenden Flüchtlingswellen gen Europa, entspricht die afghanische Bevölkerungsbewegung größtenteils einer Binnenmigration. Denn den höchsten Zustrom erfahren die afghanischen Städte selbst. 30 Prozent der afghanischen Bevölkerung leben derzeit in Städten. Obwohl die Lage der jungen – insbesondere weiblichen – Bevölkerung in ländlichen Regionen am aussichtslosesten ist, erhöht sich auch in den urbanen Zentren die Konkurrenz um rare Arbeitsplätze. Die Lebensbedingungen verschärfen sich. Jamil, der Gründer der Kabul Parkour Boys erzählte uns: „Die Hälfte von uns ist arbeitslos, studiert oder geht noch zur Schule. Unsere finanzielle Situation ist extrem schlecht“. Was die Zukunft bringt? Das weiß keiner von ihnen.

Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht

 

Trotzdem wollen sie der Welt zeigen, dass es hier in Kabul auch etwas anderes gibt als Terror, Krieg und Drogenhandel – wie es täglich in den Medien vermittelt wird. Mit ihrer Akrobatik wollen die Boys sich und die Welt bewegen. Jamil: „Jeden Tag trainieren wir hart in diesem gefährlichen Umfeld. Wir wollen jungen Afghanen die Möglichkeit bieten Sport zu machen, ohne ständig zu fürchten, das Opfer von Anschlägen zu werden. Parkour ist unser Leben. Wir wollen die Jugend hier inspirieren, ihre eigene Zukunft in die Hand zu nehmen.“

 

Bisher hat die Gruppe noch keinen Sponsor. Deshalb ist es ein wichtiges Ziel, Spenden zu sammeln, um Equipment zu kaufen und bald unabhängig von widrigen Wetterverhältnissen in einer Sporthalle trainieren zu können. Dann können in Zukunft auch Parkour Girls mitmachen.

 

Den Auftakt der Spendenreihe Make Saltos Not War macht das Benefiz-Dinner „Make Saltos Not War“ im Berliner „To Beef Or Not To Beef“ am 5. Februar 2017. Den Reinerlös wird Conflictfood im November 2017 den Kabul Parkour Boys in Afghanistan übergeben.

Mehr Infos sowie Tickets für das Benefiz-Dinner gibt es hier: Make Saltos Not War!

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