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POLITIK UND LANDWIRTSCHAFT IN PALÄSTINA – TEIL 2

Ein Beitrag unserer Gastautorin Fini Hennig

Wenn die Rede auf die Küche des Nahen Ostens kommt, dann denken die meisten bestimmt zuerst an Hummus und Falafel, das man auch hier bei uns an jeder Straßenecke kaufen kann. Die nahöstliche Küche hat aber natürlich noch viel mehr zu bieten. Conflictfood hat sich daher im Sommer nach Palästina aufgemacht, um noch andere Köstlichkeiten der Region zu entdecken. Aber warum ausgerechnet Palästina?

Der Konflikt zwischen Israel und Palästina schwelt schon seit langer Zeiten, und es scheint momentan auch keine Lösung dafür in Sicht zu sein. Darunter leiden vor allem die Palästinenser und Palästinenserinnen, die bedingt durch die israelische Besatzung mit sehr schwierigen Bedingungen zu kämpfen haben, welche die Menschen oftmals in Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit zurück lässt. Die Besatzung prägt nicht nur das politische Leben und den Alltag der palästinensischen Bevölkerung, sondern hat auch tief greifende Folgen für die palästinensische Ökonomie und darunter nicht zuletzt auch für die Landwirtschaft. Für eine Gesellschaft, die über Jahrhunderte hinweg agrarisch geprägt war und einen Großteil ihres Selbstverständnisses aus der Kultivierung und dem Erhalt von Grund und Boden gegründet hat, ist das nicht nur ein Angriff auf ihre materiellen Existenzgrundlagen, sondern auch auf ihre Identität. Aus diesem Grund möchte Conflictfood palästinensische Kleinbauern unterstützen und mit neuen Vertriebswegen Perspektiven der Existenzsicherung für sie eröffnen.

Hier geht es zum Teil 1 

Teil 2:

„Made in Palestine“ – Widerstand durch lokale Produktion und lokalen Konsum

Es mag kaum verwundern, dass Landwirtschaft und Konsum vor dem Hintergrund der Besatzung mit all ihren Auswirkungen ein Mittel zum Widerstand wird. Trotz der desolaten Situation finden sich nämlich Höfe, Betriebe und Initiativen, die sich von diesen widrigen Bedingungen nicht abschrecken lassen und weiterhin anbauen, produzieren und ihren Geschäften nachgehen, oftmals in Verbindung mit einer sozialen und ökologischen Ausrichtung und einer zunehmenden Vernetzung untereinander.

Bereits während der ersten Intifada in den 1980er Jahren gründeten Bauern und Bäuerinnen Kooperativen, um eine Alternative zu israelischen Produkten zu schaffen. Nach den gescheiterten Friedensverhandlungen, der zweiten Intifada von 2000 bis 2005, der Spaltung der politischen Führung in die Fatah (Westbank) und Hamas (Gaza-Streifen) und dem Erstarken der israelischen Rechten beginnt in den letzten Jahren eine regelrechte Bewegung aus Kleinunternehmen zu entstehen, die versucht, das beste aus der scheinbar immer auswegloseren Situation zu machen. Derlei Unternehmen und Initiativen finden sich nicht nur im Agrarbereich, sondern auch in anderen Bereichen wie Architektur, Kunst, Handwerk, Design und im Tourismus. Sie haben zum einen das Ziel, die palästinensischen Wirtschaft zu stärken, Existenzen zu sichern, Arbeitsplätze zu erhalten und neue zu schaffen. Zum anderen wird versucht, traditionelle Landwirtschaft, Handwerk und Kunsthandwerk zu erhalten und weiter zu entwickeln. Damit soll natürlich auch ökonomische Unabhängigkeit von Israel erreicht werden, wo immer das unter den gegenwärtigen Voraussetzungen möglich ist.¹

In der Landwirtschaft schließen sich zu diesem Zweck Höfe in Kooperativen zusammen, um gemeinsam Vertriebswege zu entwickeln, Wissen auszutauschen und Qualitätsstandards zu schaffen. Wie im Fall von Freekeh findet eine Rückbesinnung auf alte Anbaumethoden und Sorten statt, und es werden verstärkt Pflanzen wie z.B. Mandeln angebaut, die mit wenig Wasser auskommen. Ein Projekt widmet sich dem Erhalt alter Pflanzensorten durch Einrichten einer Samenbank (Palestinian Heirloom Seed Library). Käsereien bewahren alte Herstellungsmethoden und experimentieren mit neuen Käsesorten. Globale Trends wie die Herstellung von Craft Beer werden aufgegriffen, Weinbauern erproben autochthone Traubensorten für die Weinherstellung, andere Initiativen wiederum versuchen sich an Permakulturprojekten.Viele Bäuerinnen und Bauern verorten sich zudem im globalen Kampf gegen Agrar-Monopolisten, Sortenarmut und GMO, und für den Erhalt von traditionellen, umwelt- und klimagerechten Anbaumethoden, der genetischen Vielfalt und lokalen Sorten. Sie streben nicht nur die ökonomische Unabhängigkeit von Israel, sondern auch von internationalen Entwicklungshilfegeldern an, die oftmals nur die industrielle Landwirtschaft mit all ihren negativen Auswirkungen auf Sortenvielfalt, Umwelt und Klima fördert. Dem gemäß sind es vor allem die kleineren Bauernhöfe, und dabei oftmals Frauenkooperativen, die den Anbau den Anbau von so genannten baladi-Produkten betreiben.Baladi heißt übersetzt „von meinem Land“ und ist in Palästina ein gängiger Begriff für lokal hergestellte Lebensmittel. Sie werden überwiegend nicht mit Pestiziden und chemischen Düngemitteln behandelt und weisen einen hohen Nährstoffgehalt auf. Obwohl es keinen palästinensischen Standard für Bio-Nahrungsmittel gibt, orientieren sich viele Erzeuger in den letzten Jahren vermehrt an den Fair Trade Richtlinien. Gleichzeitig wird auch versucht, eigene Qualitätsstandards zu formulieren, da Fair Trade Regularien manchen lokalen Anbaubedingungen in der Region nicht gerecht werden. Zudem wollen einige Erzeuger*innen ja nicht nur für den Export, sondern vor allem auch für den lokalen Markt produzieren. Und der lokale Markt verlangt immer stärker nach baladi-Produkten. Landwirtschaft und damit der Erhalt von Land genießen einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft, genauso wie gutes Essen. Und das kann nur mit qualitativ hochwertigen Produkten entstehen, die am besten von lokalen Erzeugern gekauft werden.

Viele Familien beziehen ihre Lebensmittel daher noch direkt vom Bauern, und wo das nicht mehr möglich ist, werden zunehmend auch neue Bauernmärkte und Lieferdienste ins Leben gerufen, um Erzeuger und Konsumenten wieder in direkten Kontakt zu bringen. So werden baladi-Produkte nicht nur wegen des Geschmacks gekauft, sondern auch weil das Bewusstsein wächst, dass der Konsum lokaler Produkte die palästinensische Wirtschaft stärkt, die ökonomische Unabhängigkeit von Israel fördert und zum Erhalt und der Weiterentwicklung palästinensischer Kultur beiträgt. Denn nicht zuletzt ist das, was wir essen auch immer Teil unserer persönlichen Geschichte und prägt unsere Identität. Die Herstellung von Produkten „Made in Palestine“ und deren Kauf wird so zu einem friedlichem Akt des Widerstandes gegen die Besatzung und zu einem Mittel des Selbsterhaltes – nicht nur auf ökonomischer, sondern auch auf kultureller Ebene. Diese Bewegung gilt es sichtbar zu machen und zu unterstützen, was Conflictfood mit seinen Aktivitäten in Palästina tun möchte. Einen guten Überblick über diese Entwicklung bietet der von der Heinrich-Böll-Stiftung herausgegebene Einkaufsführer „Conscious Choices. A guide to Ethical Consumerism in Palestine“ von Muna Dajani und Lina Isma’il. Die Autorinnen stellen darin palästinensische Nahrungsmittelproduzent, (Kunst-)Handwerksbetriebe, Läden und Initiativen vor, die sich der Aufklärung über und der Herstellung von lokalen Produkten unter ökologischen Vorgaben und fairen Arbeitsbedingungen verschrieben haben. Der Einkausführer war die wichtigste Quelle für dieses Kapitel.Fini Hennig ist Ethnologin mit Spezialisierung auf den Nahen Osten/Nordafrika und macht derzeit ihren zweiten Master im Fach Nachhaltiges Tourismusmanagement an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Sie liebt auch die Küche der Region und beschäftigt sich deshalb in ihrer Abschlussarbeit mit palästinensischem Essen und dessen Bedeutung für die Konstruktion einer kollektiven palästinensischen Identität in Palästina und der Diaspora.

Conflictfood Freekeh aus Palästina gibt es hier

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2 Comments

  1. Sammy
    8. April 2018

    Great work

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